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Familientagstradition im Jahr 2759

Familientagstradition im Jahr 2759

Gepostet by on 06. Dezember 2012 in Blick nach vorn, Homepage Feature | Keine Kommentare

Eins der in userem heutigen Rahmen am meisten benutzten und latent misinterpretierten Worte, ist „Tradition“: Die nicht-schriftliche oder mündliche Weitergabe von Informationen, Doctrinen, Praktiken, Ritualen und Eigenschaften von Generation zu Generation. Ohne unsere Tradition wären wir nicht hier, würden unsere Gemeinsamkeit nicht pflegen, würden unsere Gegensätze nicht respektieren, würden uns teilweise womöglich gar nicht kennen. Tradition ist gemeinhin etwas, das in der Vergangenheit beginnt, und sich – wie etwas greifbares, hartnäckiges, das nicht durch die Poren des Siebs der Zeit gerutscht ist – festgesetzt hat und von allen als wertvoll erkannt und weitergeführt wird.

Doch Tradition ist auch etwas, das wir heute, in der Gegenwart, neu erschaffen und etablieren. Oftmals ohne es jetzt schon zu wissen. Wir prägen Werte, nach denen wir jetzt, im 21. Jahrhundert leben und die wir unseren Kinder vermitteln, weil wir sie für richtig und sinnvoll erachten. Nicht wenige davon hätten unseren Vorfahren im 13. Jahrhundert die Nackenhaare aufgestellt: Frauen, die etwas anderes sind als Mutter oder Witwe, Nonne oder Hebamme, oder gar Hosen tragen; eine Erziehung, die nicht auf Gott und Teufel beruht; Kinder, die nicht verprügelt werden müssen um zu gehorchen; Regierungsmacht, die demokratisch gewählt anstatt vererbt zu werden; Und ein Adel, der sich – zumindest öffentlich – nicht als übergeornete Schicht über den Rest der Bevölkerung stellt. Von den alltäglichen Regeln und intuitiven Verhaltensweisen ganz abgesehen.

Bildung und Wissen — die Summe aller als wahr eingesehenen Erfahrungen eines menschlichen Individuums — sind etwas, das wir unseren Vorfahren aus dem Mittelalter in fast allen Bereichen voraus haben.

Und es ist eben diese Kombination aus Tradition und Wissen die es uns als Familie heute ermöglicht, selbst nach 750 Jahren gemeinsam Familientag zu feiern.

Wir kommen regelmäßig zusammen, weil es die vergangenen 750 Jahre gibt. Und während das Zurückblicken aus gegebenem Anlass eben diese gewisse Tradition hat, so wie’s sich für Tradition selbst nunmal gehört, möchte ich dem latenten Klischee für einen Augenblick entfliehen und mich in die entgegengesetzte Richtung bewegen.

Wo werden wir wohl in 750 Jahren sein? Ein Zeitpunkt in atemberaubender Entfernung, aber ich fand es sehr verlockend einfach mal die Augen zu schließen und mir eine Familientag im Jahr 2759 vorzustellen…

Die von Massows feiern das 1500-jährige Bestehen ihrer Familie. Ein riesiges Fest ist geplant und die Familienverbandsvorsitzende, Karlotta von Massow, hatte sich gewünscht, zu diesem Anlass mindestens 1500 Familienmitglieder leibhaftig im Städtchen Steinhöfel begrüßen zu können.

futuristic-green-house-designIm Wechsel trifft man sich zu den nach wie vor alle 2 Jahre stattfindenden Familientagen mal in Shanghai, mal im schwedischen Malmö oder in einem traumhaft gelegenen Berghotel an der nord-peruanischen Steilküste — Gegenden, in denen Massows sesshaft geworden sind, und die sie zu ihrer Heimat gemacht haben. Reisen ist einfach geworden. Zum Kommunizieren ist nicht einmal mehr ein Telefon notwendig. Eventualle Sprachbarrieren werden mittlerweile durch digitale Simultanübersetzungsmodule in der Hosentasche überwunden. Doch nun sollte es mal wieder Steinhöfel sein. Der guten alten Zeiten wegen.

Seitdem die Teleportation durch digiculare Energieoptimierung erschwinglicher geworden ist, und jegliche Entfernungen auf der Erde in weniger als 2 ½ Sekunden bewältigt werden konnten, haben sich die Familientagswocheneden zu ausgesprochen populären und vor allem stressfreien Wiedersehensfeiern entwickelt. Vor allem die Senioren unter den Cousins und Cousinen kommen seit gut 50 Jahren zahlreicher als je zuvor. Die vorangegangenen Generationen hatte bereits rege – jedoch meist virtuell – an den Familientagen teilgenommen. Das erweiterte Schloß Steinhöfel vefügte für derartig große Anlässe längst über ein traumhaftes Konferenzgelände am oberen Ende des Parks, das über eine holographische Empfangsanlage verfügt. Dadurch konnten viele Massows selbst aus den entlegendsten Winkeln der Welt in Körpergröße dabeisein, ohne ihren Wohnort zu verlassen. Man stelle sich eine hochaufgelöste, 3-dimensionale, greifbare und nicht-transparente Diaprojektion vor.

sunflowers

Zur 1500 Jahrs Feier jedoch will Karlotta die „alten Zeiten“ wiederbeleben und bittet möglichst viele, persönlich zu kommen. Nicht zuletzt deshalb hat sie sich ein besonders vielfältiges Rahmenprogramm ausgedacht. Der Samstag steht bereits seit langem ganz im Zeichen von sportlichen und kreativen Aktivitäten: Der milde Herbst erlaubt ausgedehnte Frischluftaktivitäten. Man spielt Leichtball im Park – eine Art Fußball mit weniger hartledrigem Ball. Eine andere Gruppe spielt Holo-Schach auf einer Anhöhe vor dem Schloss. Vetter Kasimir erklärt einer Gruppe von Teenagern, wie man ferngesteuerte Papierflieger bastelt. Und im Kinosaal zeigen Tante Olga und Onkel Mickes von der Linie K ihre selbstgemachte filmische Zeitreise durch die Jahrhunderte, die unter anderem aus reconstruierten Videofilem aus dem späten 20. Jahrhunderts besteht. Unterdessen tobt eine Horde Kleinkinder unter Aufsicht von Vetter Martin durch die domartige Klimakuppel am Teich fängt fliegende Bananen.

Familienverbandssitzungen gibt es lange schon nicht mehr. Entscheidungen und gelegentliche Abstimmungen werden im Vorfeld der Massow-Treffen im familieneigenen virtuellen Forum vorgenommen. Das Familientagswochenende selbst soll gänzlich zum gemeinsamen Feiern, Spielen, Kennenlernen und Zusammensein genutzt werden.

Die abendliche Feier ist festlich, locker gestaltet: ein großes Buffet – diesmal im indischen Stil – angenehme live Musik, ungezwungene Sitzordnung. Es sind am Ende fast 1800 Familienmitglieder gekommen. Einige zum ersten Mal. Es wird viel erzählt – von früher und von heute. Und man denkt an die Zukunft.

Viele Familientraditionen haben sich bis ins Jahr 2759 durchgesetzt. Manche gehören der Vergangenheit an. Und das ist auch gut so. Der Schriftsteller George Bernhard Shaw hat einmal gesagt „Tradition ist eine Laterne. Der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg.“ Und so wünsche ich mir und uns als Familie mit einer langen Geschichte, Freude am Zusammensein und einem gesunden Gespür für Tradition, dass sich auch in den nächsten 750 Jahren die Wege derer von Massow immer wieder regelmäßig kreuzen werden.

 

Familiengeschichte im Wandel der Zeiten

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